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Gerüst­bau­ar­bei­ten sind eigen­stän­di­ges Fach­los

Die Ver­ga­be­kam­mer Bund ent­schied am 18. August 2025 mit ihrem Beschluss (Az.: VK 2–63/25), dass Gerüst­bau­ar­bei­ten ein eigen­stän­di­ges Fach­los dar­stel­len und die Gesamt­ver­ga­be von Fas­sa­den- und Gerüst­bau­ar­bei­ten in die­sem Fall weder tech­nisch noch wirt­schaft­lich gerecht­fer­tigt war.

Unser Video zur Urteils­be­spre­chung:

Sach­ver­halt: Die uner­wünsch­te Gesamt­ver­ga­be 

Die Auf­trags­ge­be­rin schrieb im Rah­men eines offe­nen Ver­ga­be­ver­fah­rens zur ener­ge­ti­schen Sanie­rung eines Gebäu­de­kom­ple­xes ins­ge­samt 19 Fach­lo­se aus. Das Los „Fas­sa­den­ar­bei­ten“ umfass­te dabei nicht nur den Abriss und Neu­bau des Wär­me­dämm­ver­bund­sys­tems (WDVS), son­dern auch die dafür not­wen­di­gen Gerüst­bau­ar­bei­ten. Das Leis­tungs­ver­zeich­nis sah dabei expli­zit Gerüs­tum­bau­ten für Drit­te (Gewer­ke Fas­sa­de und Dach) vor.

Der Auf­trag­ge­ber begrün­de­te die Zusam­men­fas­sung der Gerüst- und Fas­sa­den­ar­bei­ten in einem Los mit fol­gen­den Argu­men­ten:

  • Tech­ni­sche Not­wen­dig­keit: Der sequen­zi­el­le Rück­bau und Auf­bau des WDVS von oben nach unten bzw. von unten nach oben erfor­de­re kurz­fris­ti­ge und stän­di­ge Anpas­sun­gen der Gerüs­te. Nur eine Gesamt­ver­ga­be ermög­li­che die not­wen­di­ge schnel­le Abstim­mung und hän­del­ba­re, tau­send­fach geleb­te Vor­ge­hens­wei­se.
  • Wirt­schaft­li­che Effek­te: Eine enge Ver­zah­nung füh­re zu Syn­er­gie­ef­fek­ten und ver­mei­de Ver­zö­ge­run­gen, die durch die übli­chen lan­gen Abruf­fris­ten (4 bis 8 Wochen) exter­ner Gerüst­bau­er ent­stün­den. Zudem sei die sepa­ra­te Ver­ga­be auf­grund des gerin­gen Auf­trags­werts für den Gerüst­bau (ca. 1,94 % des Gesamt­auf­trags­wer­tes) als unwirt­schaft­li­ches Split­ter­los zu ver­mei­den.

Die Antrag­stel­le­rin, ein rei­nes Gerüst­bau­un­ter­neh­men, hielt die­se Gesamt­ver­ga­be für unzu­läs­sig. Sie argu­men­tier­te, dass Gerüst­bau­ar­bei­ten ein eigen­stän­di­ges Fach­ge­werk dar­stel­len, das nach dem HwOua­ÜG (Über­gangs­ge­setz aus Anlass des Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung der Hand­werks­ord­nung) ohne­hin von einem in der Hand­werks­rol­le ein­ge­tra­ge­nen Gerüst­bau­er aus­zu­füh­ren sei – also nur durch einen Nach­un­ter­neh­mer des Fas­sa­den­bau­ers. 

Kern­punkt der Ent­schei­dung: Koor­di­nie­rungs­auf­wand darf nicht abge­wälzt wer­den

Die VK Bund hat der Antrag­stel­le­rin Recht gege­ben und einen Ver­stoß gegen das Gebot der Fach­los­ver­ga­be nach § 97 Abs. 4 Satz 2 GWB fest­ge­stellt. Die Kam­mer bestä­tig­te, dass Gerüst­bau­leis­tun­gen auf­grund der eigen­stän­di­gen hand­werks­recht­li­chen Maß­ga­ben (eige­ner Aus­bil­dungs­be­ruf, Meis­ter­ti­tel und Tarif­ver­trag) ein Fach­los bil­den, was von der Auf­trag­ge­be­rin auch nicht grund­sätz­lich bestrit­ten wur­de.

Die Argu­men­ta­ti­on der tech­ni­schen Kom­ple­xi­tät der Fas­sa­den­ar­bei­ten wies die Kam­mer zurück. Es lie­ge kei­ne zwin­gen­de Not­wen­dig­keit für eine Gesamt­ver­ga­be vor, da die Arbei­ten laut Auf­trag­ge­be­rin selbst „tau­send­fach gelebt“ und bau­prak­tisch ein­fach hän­del­bar sei­en, was gegen eine beson­de­re Kom­ple­xi­tät spre­che. Zudem feh­le die tech­ni­sche Not­wen­dig­keit für eine Gesamt­ver­ga­be, weil die Gerüst­bau­ar­bei­ten auf­grund der hand­werks­recht­li­chen Vor­schrif­ten (HwOua­ÜG) und der Nut­zung für ande­re Gewer­ke (Dach) ohne­hin zwin­gend durch einen spe­zia­li­sier­ten Gerüst­bau­er als Nach­un­ter­neh­mer oder Bie­ter­ge­mein­schaft zu erbrin­gen sei­en. Die Steu­er­bar­keit im Ein­zel-Los sei gege­ben, da die erfor­der­li­chen Anpas­sun­gen und Umrüs­tun­gen vom Fach­pla­ner von vorn­her­ein kon­kret geplant wer­den konn­ten (z. B. 10 bzw. 20 Umrüs­tun­gen pro Haus). Die Anfor­de­run­gen an die zeit­na­he und unmit­tel­ba­re Umset­zung lie­ßen sich ohne Wei­te­res als Ver­trags­grund­la­ge in einer sepa­ra­ten Aus­schrei­bung des Gerüst­bau­lo­ses defi­nie­ren und wür­den somit War­te­zei­ten ver­mei­den.

Auch die wirt­schaft­li­chen Argu­men­te wur­den von der Kam­mer zurück­ge­wie­sen. Der Wunsch des Auf­trag­ge­bers, eine schnel­le­re Abstim­mung und eine gemein­sa­me kauf­män­ni­sche Inter­es­sen­la­ge zu erzie­len und damit Behin­de­rungs­an­zei­gen, Bau­zeit­ver­län­ge­rungs- und wei­te­re Ver­gü­tungs­an­sprü­che zu ver­mei­den, stel­le kei­nen zuläs­si­gen wirt­schaft­li­chen oder tech­ni­schen Grund dar. Der Gesetz­ge­ber ent­schei­de, indem er mit § 97 Abs. 4 GWB den erhöh­ten Koor­di­nie­rungs­auf­wand, der bei der Auf­tei­lung in Fach­lo­se ent­steht, bewusst in Kauf neh­me und die­sen dem Auf­trag­ge­ber zumu­te. Eben­so gehe eine Split­ter­los-Argu­men­ta­ti­on bei unter­stüt­zen­den Leis­tun­gen wie dem Gerüst­bau fehl, da die­se wert­mä­ßig natur­ge­mäß hin­ter den Haupt­leis­tun­gen zurück­blie­ben. Zudem mach­te der Gerüst­bau im Ver­hält­nis zu den Fas­sa­den­ar­bei­ten selbst noch einen Anteil von 10 bis 20 Pro­zent aus, was gegen die Annah­me eines unwirt­schaft­li­chen Split­ter­lo­ses sprach.

Somit war im Ergeb­nis die Gesamt­ver­ga­be unzu­läs­sig. Der Auf­trag­ge­ber müs­se die Gerüst­bau­leis­tun­gen bei fort­be­stehen­der Beschaf­fungs­ab­sicht in einem sepa­ra­ten Fach­los aus­schrei­ben.

Tipps für öffent­li­che Auf­trag­ge­ber: Den Losen treu blei­ben

Das Urteil unter­streicht, dass das gesetz­li­che Gebot zur Fach­los­ver­ga­be eine der tra­gen­den Säu­len des Ver­ga­be­rechts ist. Der Wunsch nach ein­fa­cher Koor­di­na­ti­on oder der Ver­mei­dung von Schnitt­stel­len recht­fer­tigt nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len eine Gesamt­ver­ga­be.

  • Zwin­gend sepa­rie­ren: Gerüst­bau­leis­tun­gen sind in der Regel immer als eigen­stän­di­ges Fach­los aus­zu­schrei­ben. Sze­na­ri­en, die eine Aus­nah­me recht­fer­ti­gen, sind kaum vor­stell­bar.
  • Ein­deu­ti­ge Spe­zi­fi­ka­ti­on: Statt Leis­tun­gen zusam­men­zu­fas­sen, defi­nie­ren Sie die Beson­der­hei­ten des Bau­vor­ha­bens in den Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen des Ein­zel-Loses. Wenn etwa schnell auf­ein­an­der­fol­gen­de Umrüs­tun­gen not­wen­dig sind, muss dies prä­zi­se im Leis­tungs­ver­zeich­nis (LV) des Gerüst­bau­lo­ses gefor­dert wer­den.
  • Koor­di­na­ti­ons­auf­wand als Pflicht: Pla­nen und bud­ge­tie­ren Sie den erhöh­ten Koor­di­nie­rungs­auf­wand, der bei der Los­ver­ga­be ent­steht, expli­zit ein. Er ist gesetz­lich gewollt und muss vom Auf­trag­ge­ber getra­gen wer­den.
  • Kei­ne pau­scha­len Erfah­run­gen: Pau­scha­le Ver­wei­se auf schlech­te Erfah­run­gen mit exter­nen Gerüst­bau­ern („Abruf­fris­ten von 4 bis 8 Wochen“) rei­chen für die Recht­fer­ti­gung einer Gesamt­ver­ga­be nicht aus. Die Begrün­dung muss sich auf den kon­kre­ten Ein­zel­fall und des­sen beson­de­re tech­ni­sche Gege­ben­hei­ten bezie­hen.

Tipps für Bie­ter und Zuwen­dungs­emp­fän­ger: Ver­stoß gegen Los­ge­bot aktiv rügen

Für Bie­ter, ins­be­son­de­re spe­zia­li­sier­te Fach­be­trie­be (wie hier Gerüst­bau­er), ist das Losauf­tei­lungs­ge­bot ein wich­ti­ger Schutz­me­cha­nis­mus, der den Zugang zu öffent­li­chen Auf­trä­gen sichert.

  • Markt beob­ach­ten: Prü­fen Sie bei Aus­schrei­bun­gen, ob eigen­stän­di­ge Fach­ge­wer­ke wie Gerüst­bau, spe­zi­el­le IT-Leis­tun­gen, Rei­ni­gungs­diens­te etc. unzu­läs­sig in ein grö­ße­res Los inte­griert wur­den.
  • Rüge­an­lass: Liegt ein Ver­stoß gegen § 97 Abs. 4 GWB vor, weil ein Fach­los nicht sepa­rat aus­ge­schrie­ben wur­de, ist dies ein kla­rer Rüge­grund.
  • Man­dan­ten­fä­hig­keit prü­fen: Über­le­gen Sie, ob Sie die sepa­rier­te Leis­tung, wäre sie ein­zeln aus­ge­schrie­ben wor­den, anbie­ten könn­ten. Die Antrag­stel­le­rin im vor­lie­gen­den Fall hat im Ver­fah­ren expli­zit bestä­tigt, dass sie die aus­ge­schrie­be­nen Gerüst­bau­leis­tun­gen im Fal­le einer sepa­ra­ten Aus­schrei­bung anbie­ten und aus­füh­ren kann.

Hin­weis: Die­ser Rechts­tipp ersetzt kei­nen anwalt­li­chen Rat im Ein­zel­fall. Er ist natur­ge­mäß unvoll­stän­dig, auch ist er nicht auf Ihren Fall bezo­gen und stellt zudem eine Moment­auf­nah­me dar, da sich gesetz­li­che Grund­la­gen und Recht­spre­chung im Lauf der Zeit ändern. Er kann und will nicht alle denk­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen abde­cken, dient Unter­hal­tungs- und Erst­ori­en­tie­rungs­zwe­cken und soll Sie zur früh­zei­ti­gen Abklä­rung von Rechts­fra­gen moti­vie­ren, nicht aber davon abhal­ten. aban­te Rechts­an­wäl­te war nicht am Ver­fah­ren betei­ligt und hat kei­ne Par­tei im Streit­ver­fah­ren ver­tre­ten.

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