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Ber­lAVG-Novel­le 2026: Ber­lin hebt Wert­gren­zen auf 75.000 (LDL) und 500.000 Euro (BL) an

Das Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus hat im Juni 2026 eine umfas­sen­de Reform des Ber­li­ner Aus­schrei­bungs- und Ver­ga­be­ge­set­zes (Ber­lAVG) beschlos­sen. Die Wert­gren­zen für Lie­fer- und Dienst­leis­tungs­auf­trä­ge stei­gen von 10.000 Euro auf 75.000 Euro, bei Bau­leis­tun­gen von 50.000 Euro auf 500.000 Euro. Das Gesetz trat am 16. Juli 2026 in Kraft und gilt für alle ab die­sem Zeit­punkt neu begon­ne­nen Ver­ga­be­ver­fah­ren.

Die wesent­li­chen Ände­run­gen

Wert­gren­zen stei­gen auf 75.000 bzw. 500.000 Euro

Unter­halb der neu­en Wert­gren­zen ent­fal­len die spe­zi­fi­schen Nach­weis­pflich­ten und beson­de­ren Ver­trags­be­din­gun­gen zu Sozi­al­stan­dards. Ein erheb­li­cher Teil klei­ne­rer und mitt­le­rer Beschaf­fungs­vor­gän­ge fällt damit künf­tig aus dem Anwen­dungs­be­reich des Ber­lAVG her­aus.

Min­dest­ent­gelt steht jetzt im Gesetz

Das ver­ga­be­spe­zi­fi­sche Min­dest­ent­gelt wird nun direkt im Gesetz fest­ge­schrie­ben: 14,84 Euro brut­to pro Stun­de ab Inkraft­tre­ten, ab dem 1. Janu­ar 2027 dann 15,58 Euro brut­to.

Best­bie­ter­prin­zip ver­schiebt Nach­weis­pflich­ten

Mit dem Best­bie­ter­prin­zip ver­schiebt sich der Zeit­punkt für Eigen­erklä­run­gen und Nach­wei­se nach hin­ten: Ein­ge­reicht wer­den müs­sen sie erst nach der Wer­tung, und zwar nur vom Unter­neh­men, das für den Zuschlag vor­ge­se­hen ist. Das Prin­zip „Papier vor Leis­tung“ gilt für die übri­gen Bie­ter im frü­hen Ver­fah­rens­sta­di­um nicht mehr.

Tarif­treue bei Kleinst­auf­trä­gen wird schär­fer

Bei aller Ent­las­tung zieht der Gesetz­ge­ber an einer Stel­le die Zügel an: Die Baga­tell­gren­ze für die Tarif­treue­pflicht sinkt auf 1.000 Euro, und zwar auch für Unter­auf­trä­ge. Wer über Sub­un­ter­neh­mer die Tarif­bin­dung umge­hen woll­te, fin­det dafür kei­nen Spiel­raum mehr.

Kon­troll­quo­te ver­dop­pelt sich

Par­al­lel dazu ver­dop­pelt sich die Kon­troll­quo­te für stich­pro­ben­ar­ti­ge Prü­fun­gen ver­ge­be­ner Auf­trä­ge von 5 % auf 10 %. Für die unmit­tel­ba­re Lan­des­ver­wal­tung über­nimmt künf­tig eine zen­tra­le Kon­troll­grup­pe die­se Prü­fun­gen.

Detail­an­pas­sun­gen mit Pra­xis­re­le­vanz

Start-ups, KMU und sozia­le Betrie­be stär­ker berück­sich­tigt

Öffent­li­che Auf­trag­ge­ber müs­sen bei Eig­nungs­kri­te­ri­en die beson­de­ren Umstän­de jun­ger Unter­neh­men (Grün­dung inner­halb der letz­ten acht Jah­re) sowie klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men ange­mes­sen berück­sich­ti­gen. Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen, Blin­den­werk­stät­ten und Inklu­si­ons­be­trie­be zäh­len jetzt aus­drück­lich zu den bei der Ver­ga­be beson­ders zu berück­sich­ti­gen­den Grup­pen.

ILO-Kern­ar­beits­nor­men gel­ten dyna­misch

Neue inter­na­tio­na­le Arbeits­nor­men, etwa im Arbeits­schutz, fin­den über eine dyna­mi­sche Ver­wei­sung auf die ILO-Kern­ar­beits­nor­men auto­ma­tisch Anwen­dung. Das Ber­lAVG muss dafür nicht mehr jedes Mal ange­passt wer­den.

Bereichs­aus­nah­men bei Lie­fe­run­gen und Kurz­auf­trä­gen

Aus­ge­nom­men von Min­dest­ent­gelt und Tarif­treue blei­ben Lie­fer­auf­trä­ge ohne Mon­ta­ge sowie kurz­fris­ti­ge Dienst­leis­tungs­auf­trä­ge bis zu sie­ben Kalen­der­ta­gen.

Was nicht umge­setzt wur­de

Regis­ter für unge­eig­ne­te Bewer­ber geschei­tert

Ein geplan­tes Ver­zeich­nis über unge­eig­ne­te Bewer­ber ist am Daten­schutz geschei­tert und hat den Weg ins Gesetz nicht gefun­den. Im Gegen­zug wur­de das bestehen­de Kor­rup­ti­ons­re­gis­ter­ge­setz von 2006 voll­stän­dig auf­ge­ho­ben.

Kri­tik von Grü­nen und Lin­ken

Grü­ne und Lin­ke kri­ti­sie­ren, dass durch die hohen Wert­gren­zen sozia­le und öko­lo­gi­sche Stan­dards, etwa zur Frau­en­för­de­rung, für einen Groß­teil der öffent­li­chen Auf­trä­ge fak­tisch leer­lau­fen. Zusätz­lich fehlt wei­ter­hin ein ein­heit­li­ches IT-Sys­tem für alle Ber­li­ner Ver­ga­be­stel­len, ein Kri­tik­punkt, den auch Prak­ti­ker seit Lan­gem vor­brin­gen.

Fazit für die Pra­xis

Für Auf­trag­ge­ber unter­halb der neu­en Wert­gren­zen ent­fal­len zahl­rei­che for­ma­le Pflich­ten, was Ver­fah­ren beschleu­nigt, aber auch bedeu­tet: Sozi­al- und Umwelt­stan­dards grei­fen dort nicht mehr auto­ma­tisch. Für Bie­ter lohnt sich ein Blick auf die ver­schärf­te Tarif­treue bei Kleinst­auf­trä­gen, hier dro­hen ab 1.000 Euro Pflich­ten, die bis­lang erst deut­lich spä­ter grif­fen. Eine Eva­lua­ti­on der neu­en Kon­troll­re­ge­lun­gen ist für den 1. Juli 2028 vor­ge­se­hen, bis dahin bleibt abzu­war­ten, wie die ver­dop­pel­te Kon­troll­quo­te in der Pra­xis umge­setzt wird.

Sie pla­nen ein Ver­ga­be­ver­fah­ren nach dem neu­en Ber­lAVG oder sind als Bie­ter unsi­cher, ob Ihr Auf­trag unter die neu­en Schwel­len fällt? Spre­chen Sie uns an.

Ver­wen­de­te Quel­len:

Rechts­vor­schrif­ten und amt­li­che Ver­kün­dun­gen

  • Gesetz- und Ver­ord­nungs­blatt für Ber­lin (GVBl.): Zwei­tes Gesetz zur Ände­rung des Ber­li­ner Aus­schrei­bungs- und Ver­ga­be­ge­set­zes und wei­te­rer Rechts­vor­schrif­ten vom 2. Juli 2026, 82. Jahr­gang, Nr. 23, Ber­lin, 15. Juli 2026, S. 537–540
  • Druck­sa­che 19/3192: Antrag der Frak­ti­on der CDU und der Frak­ti­on der SPD: Zwei­tes Gesetz zur Ände­rung des Ber­li­ner Aus­schrei­bungs- und Ver­ga­be­ge­set­zes und wei­te­rer Rechts­vor­schrif­ten vom 29. April 2026.
  • Druck­sa­che 19/3328: Dring­li­che Beschluss­emp­feh­lung des Haupt­aus­schus­ses zum Antrag der Frak­ti­on der CDU und der Frak­ti­on der SPD – Druck­sa­che 19/3192 – vom 11. Juni 2026.
  • Ple­nar­pro­to­koll 19/88: Wort­pro­to­koll der 88. Sit­zung des Abge­ord­ne­ten­hau­ses von Ber­lin vom 18. Juni 2026.
  • Beschluss­pro­to­koll 19/88: Ergeb­nis­pro­to­koll der 88. Ple­nar­sit­zung des Abge­ord­ne­ten­hau­ses von Ber­lin vom 18. Juni 2026.
  • Druck­sa­che 19/3192–1: Ände­rungs­an­trag der Frak­ti­on der CDU und der Frak­ti­on der SPD zum Antrag auf Druck­sa­che 19/3192
  • Syn­op­se Ber­lAVG: Gegen­über­stel­lung der Geset­zes­tex­te des Ber­li­ner Aus­schrei­bungs- und Ver­ga­be­ge­set­zes (alte Fas­sung / neue Fas­sung), Stand: Juni 2026

Hin­weis: Die­ser Rechts­tipp ersetzt kei­nen anwalt­li­chen Rat im Ein­zel­fall. Er ist natur­ge­mäß unvoll­stän­dig, auch ist er nicht auf Ihren Fall bezo­gen und stellt zudem eine Moment­auf­nah­me dar, da sich gesetz­li­che Grund­la­gen und Recht­spre­chung im Lauf der Zeit ändern. Er kann und will nicht alle denk­ba­ren Kon­stel­la­tio­nen abde­cken, dient Unter­hal­tungs- und Erst­ori­en­tie­rungs­zwe­cken und soll Sie zur früh­zei­ti­gen Abklä­rung von Rechts­fra­gen moti­vie­ren, nicht aber davon abhal­ten. aban­te Rechts­an­wäl­te war nicht am Ver­fah­ren betei­ligt und hat kei­ne Par­tei im Streit­ver­fah­ren ver­tre­ten.

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